Mittwoch, 17. Mai 2017

Spaziergang in Weisslingen - Schnecken

Auf meinem Spaziergang durch den Wald kreuzen heute immer wieder Weinbergschnecken meinen Weg. Meist sind es grosse, makellose Tiere mit wunderschönen, geschwungenen Häusern auf ihrem Rücken. Nur einmal entdecke ich auch eine junge Schnecke, fast hätte ich sie mit einem Kieselstein verwechselt.



Andauernd überqueren sie die Waldstrasse. Und alle sind sie von rechts und nach links unterwegs. Hat das etwas zu bedeuten, oder ist es reiner Zufall? Ist es vielleicht wetterbedingt?

Warum wollen all die Schnecken überhaupt auf die andere Strassenseite? Was glauben sie auf der linken Seite zu finden, was es auf der rechten nicht auch gäbe?

Wissen sie denn nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begeben? Ahnen sie es, oder sind sie völlig sorglos in ihrem ruhigen Gleiten? Ich traue mich schon kaum mehr aufzusehen aus Sorge, ich könnte eine zertreten. 



Der ersten helfe ich noch auf die andere Seite, dann lasse ich es bleiben. Was weiss denn ich, ob sie wirklich rüber wollen, und was ihr wirkliches Ziel ist? Oder ob es ums Fortbewegen selber geht? Ob es vielleicht wichtig ist, einfach nur über Kieselsteine und Erde zu rutschen? 


Später finde ich an einer Stelle gleich eine ganze Anhäufung von Weinbergschnecken. Ein paar sind tot, einige Schneckenhäuser sind leer.  Eine klebt an einem Baumstumpf, mir ist nicht klar, ob sie gesund ist oder nicht. Ein paar kriechen im Gras herum. Was ist das für eine Versammlung? Ein Schneckentreffen zur Paarungszeit? Die Überreste eines Festmahls? Wer frisst denn eigentlich Weinbergschnecken - der Fuchs, Igel, Vögel? Grosse Vögel wie Krähen, oder auch kleinere?


Ich merke, dass ich vom Leben dieser Tiere, die mir seit je her immer wieder begegnen, keine Ahnung habe. Und dann höre ich auf das vielstimmige Vogelstimmenkonzert in den Baumkronen, und schaue die Wolken im Wind, und denke an die vielen Tiere unter der Erde, und an die immense Unterwasserwelt, in die ich beim Tauchen einen winzigen Einblick bekommen habe - und ich merke, dass ich von all der Vielfalt an Leben und Parallelwelten keine Ahnung habe, dass das oberflächliche Schul- und Wikipediawissen nicht mal an der Oberfläche dieser schieren Unendlichkeit und Vielfältigkeit kratzt. Alles Wissen kann das Mysterium des Lebens nicht erfassen. 
Und dann schaue ich wieder auf die kleinen Schnecken mit ihren perfekten Häusern, ihrem lautlosen Gleiten, dem faszinierenden Muster auf ihrer Haut, den wunderlichen Augen an den langen Stielen. Und für einen Moment streift mich der Hauch einer Ahnung vom Wunder des Lebens, von seiner Grenzenlosigkeit und Unfassbarkeit. 



Während ich wie eine Ameise meinen Wegen im Alltag folge, verstrickt in meinen Alltagssorgen und mich als Mittelpunkt meiner kleinen grossen Welt wähne, vergesse ich doch immer wieder, wie viel Unendlichkeit, Raum und Vielfalt mich eigentlich umgibt.


Sonntag, 30. April 2017

Frühling - (halber) Spaziergang in Weisslingen

Nicht der Spaziergang war halb, doch ungefähr in der Mitte hat sich der Akku meiner Kamera geleert, und einen Ersatzakku habe ich nicht mitgenommen. Den Ärger darüber lasse ich aber schnell wieder los und beschliesse, die schönen Eindrücke um mich herum einfach "nur" wahrzunehmen und zu geniessen. Es lässt sich ohnehin nicht alles mit der Kamera einfangen.



Die schiere Mannigfaltigkeit der Vogelstimmen zum Beispiel nicht, die mich vom Beginn weg begleitet: fröhliches Gezwitscher am Waldrand, flötende Melodien im Wald, kehliger Gesang auf der Anhöhe, spitze Schreie über dem Feld, krächzen in den Baumkronen, schnattern am Teich und viele mehr. Mein Wortschatz ist zu beschränkt, um diese ganze Vielfalt an Tönen widerzugeben, die jetzt den Himmel erfüllen.



Die Schmetterlinge, die auf dem Weg vor mir herflattern, ebensowenig. Auch wenn ich sie auf ein Foto bannen könnte, ihr zartes Wesen könnte ich nicht einfangen. Und ist es aber nicht gerade das, was mich am Schmetterling berührt, seine sanfte Schwerelosigkeit, sein verspielter Tanz im Lufthauch, seine berührende Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit?


Gerne würde ich auch all die anderen Tiere um mich herum fotografieren, doch die meisten kann ich ja noch nicht einmal sehen. Selbst der Frosch, der bei meinem Herannahen ins Gras springt, sehe ich nicht mehr. Und dabei weiss ich doch, dass er da ist, unmittelbar vor meinen Augen. Doch mein Sehsinn ist begrenzt und er ist Meister der Tarnung.
Ich weiss, dass auch andere Tiere da sind, weil ich sie höre. Überall rascheln sie: laut, frech und unbekümmert die Vögel, kaum hörbar hingegen die grösseren Tiere, Rehe zum Beispiel oder Wildschweine. Meist verrät sie nur ein einzelnes, kurzes, leises Knacken, gefolgt von absoluter Stille. Wie jetzt, im Dickicht jenseits des Baches. Ich kann nur erahnen, dass ich ein grösseres Tier überrascht haben muss, sicher bin ich mir nicht. Ich warte vollkommen still, konzentriert und ganz Ohr. Ich möchte es sehen, aber ich weiss, dass sich das Tier, sobald es sich vom ersten Schrecken eingefangen hat, vollkommen lautlos fortbewegen wird. Doch dann, ein kurzes, helles Aufblitzen zwischen den dunklen Tannen - die Reflexion des Sonnenlichts im Fell - verrät mir den weglaufenden Fuchs. Nur für den Bruchteil eines Augenblicks sehe ich ihn, dann löst sich die Erscheinung auf und der Fuchs wird wieder eins mit dem Wald. Kein Foto kann den Zauber solcher Momente je widergeben.



Ich verlasse jetzt den Hauptweg und folge dem versteckten Trampelpfad zur Waldlichtung. Wie ein Spalier umsäumen Jungbäume den Weg, frisch, hell und zart leuchtet das Grün ihrer Blätter. Wie federnd weich geht es sich auf dem Waldboden. Das Laub, das ihn bedeckt, ist mittlerweile zu einem Teppich aus kleinsten Bröseln zerfallen. Dann erreiche ich die kleine Lichtung, und auf einmal ist es vollkommen still, kein Zwitschern, kein Knacken, kein Rascheln. Ich bleibe stehen, schaue mich um, horche. Diese plötzliche Stille ist fast schon etwas unheimlich. Ich fühle mich in einer anderen Welt, auf einem verlassenen Planeten, umgeben von nichts als undurchdringlichem Wald. Und gleichzeitig fühlt es sich an, als ob tausend Augen mich beobachten würden. Das tun sie sicher: eine ganze Tier- und Pflanzenwelt beobachtet mich hier. Auch wenn ich mich noch so lautlos zu bewegen meine, sie wissen alle längst Bescheid.



Diese kurzen, zauberhaften Momente sind es, die mir bleiben, und gerade diese sind es auch, die ich fotografisch so nicht festhalten kann, und die ich auch nicht in Worte fassen kann. Meine Worte und Bilder kommen mir plump vor dagegen. Ich kann den Bach fotografieren, aber sein verspieltes Gurgeln nicht, auch nicht das erfrischende Plätschern des kleinen Wasserfalls widergeben, wo mir der Fuchs erschienen ist.



Ich verlasse den Wald und mache mich auf den Rückweg. Auf der Wiese empfängt mich das Zirpen von Zikaden - jetzt schon? Es hört sich an wie Sommer und ist doch erst April. Die Zweige und Äste sind noch gut sichtbar und noch nicht ganz von Blättern verdeckt. Wie lange noch? Die neuen Blätter wachsen schnell. Bald werden sie Baumkronen und Büsche gänzlich eingehüllt haben. Ungeachtet der wiederkehrenden Wintereinbrüche schreitet der Frühling unbeirrt voran.


Nur ein einziges Mal reut mich der fehlende Akku wirklich: So gern hätte ich versucht, das unfassbar strahlende, intensiv leuchtende Gelb des Rapsfeldes einzufangen, ein Farbton, für den es keine Worte gibt. Kein Gelb ist so unglaublich einzigartig gelb wie das von blühenden Rapsfeldern an einem schönen Frühlingstag wie diesem.


Donnerstag, 2. März 2017

Zazen im Kloster Fischingen


Zeitlinien
durchstreifen
die Gegenwart


auf der Suche nach
dem Gefundenwerden:


Offenbarung





Das Foto ist von mir, der Text von Bertold Albus. Das Foto ist entstanden an einem Zazentag, einem Tag des Schweigens und der Meditation, den Bertold Albus einmal im Monat im Kloster Fischingen leitet (zazen-bei-den-benediktinern).
In den Pausen nehme ich jeweils meine Kamera mit. Denn Meditation bzw. ein ruhiger, entspannter, offener Geist ist die beste Voraussetzung für kontemplative Fotografie. Es ist immer wieder spannend zu sehen, was mir an solchen Tagen ins Auge fällt. Deshalb freue ich mich jedesmal doppelt auf diese Meditationstage. Fotos, die an den Meditationstagen entstanden sind, finden sich in meinem Flickr-Album "Fischingen"
Dieses Foto hat Bertold zu seinem Text inspiriert, was mich wiederum zu diesem Blogpost inspiriert hat. Und wer weiss, vielleicht inspiriert das jetzt wiederum dich?

Sonntag, 26. Februar 2017

Frühling - mein alter Kater

Mein alter Kater traut der Frühlingssonne nicht 
und bleibt lieber noch eingerollt
im überheizten Wohnzimmer liegen. 













Diese Bilder habe ich durchs geschlossene Fenster aus dem warmen Wohnzimmer heraus fotografiert, mein Kater lag währenddessen gemütlich dösend auf dem Sofa. Er liess sich beim Schlummern nicht stören, behielt mich aber ganz genau (wenn auch unauffällig) im Auge.

Freitag, 24. Februar 2017

Spaziergang in Weisslingen - Frühlingshauch

Der Bauarbeiter pfeift heute auf dem Weg zu seiner Baustelle. Unsere Blicke kreuzen sich, wir lächeln. Er hört nicht auf, sein fröhliches Lied zu pfeifen. Auch mir ist nach Pfeifen und Summen zumute. Ein Hauch von Frühling liegt heute in der Luft.


Am Morgen früh ist es noch bitterkalt, Raureif überdeckt die Felder und überzieht Äste und Zweige wie feine Zuckerglasur. Die Sonne und der blaue Himmel täuschen, und auf dem Weg zur Arbeit muss ich mich noch vor gefrorenen Stellen in Acht nehmen, es geht ein eisiger Wind. Doch am Nachmittag ist vom Winter nicht mehr viel zu spüren. Die Sonne hat es geschafft, die Erde aufzuwärmen.


Nun zieht's die Menschen raus. Jogger und Nordic Walker laufen mir entgegen, und hie und da winkt mir ein Nachbar aus dem Garten zu für einen Schwatz. Auch die Tiere scheinen sich zu freuen. Das pensionierte Rennpferd springt und wälzt sich übermütig auf der Koppel, die beiden Ziegen spielen Fangen, und von überall her schallt munterer Vogelgesang. Im Wald trällern, zwitschern und flattern die Vögel wieder so laut und selbstverständlich, als ob es keinen Winter je gegeben hätte.



Nur noch an Nordhängen und schattigen Stellen liegt Schnee. Dort wird er sich noch lange halten. Die Stellen kenne ich mittlerweile und weiss sie zu umgehen. Denn heute ist mir nicht mehr nach Schneestapfen und Anstrengung zumute, nur noch nach der entspannten, fast vergessenen Leichtigkeit, die der Frühling wieder zurückbringt.


Als ich zum Weiher komme, staune ich, dass er immer noch mit einer dicken Eisschicht bedeckt ist. Erst jetzt fängt sie langsam an zu tauen.


Das Grün der Wiesen und Felder legt seinen grauen Schleier langsam ab. Schon bald wird es vom strahlend hellen Giftgrün frischer Jungpflanzen verdrängt und vergessen sein.


Wie leicht fühlt sich das Gehen an ohne die dicke Winterjacke, ohne Handschuhe, Mütze und feste Winterstiefel. Wie leicht fühlt sich das Gehen an auf aperen Wegen, wenn ich mich nicht durch wadentiefen Schnee kämpfen muss, wenn mir nicht eiskalte Luft ins Gesicht und in die Lunge schneidet. Die Kälte hat ihren festen Griff um meinen Brustkorb gelockert, die wärmende Sonne ihn gänzlich gelöst. Ich atme wieder frei und unbeschwert und fülle meine Lungen mit milder Frühlingsluft. Es fühlt sich angenehm an, weit und entspannt.


Die Tage sind schon merklich länger, am Morgen wie am Abend. Das Licht jedoch ist sanft, die Farben gedämpft. Pastellblau und rosa verfärbt sich jetzt abends der Himmel, wenn ich von meinem Spaziergang heimkehre. Ich muss mich nun nicht mehr so beeilen, denn bis zum Einbruch der Dunkelheit zieht es sich länger hin.


So schön der Winter war, die Welt scheint endlich wieder erleichtert aufzuatmen, befreit von der langen Dunkelheit, den düster-grauen Hochnebeltagen, der bitteren Kälte, dem vielen Schnee und Eis.


Doch nun werden wieder Pläne geschmiedet, Tickets gekauft und Abenteuer bestellt. Der Frühling motiviert zu Neuanfängen und Wagnissen. Krusten brechen auf, Panzer werden abgeworfen, Mut und neue Kraft bricht durch. Ein guter Zeitpunkt, um Neues auszuprobieren, Neujahrsvorsätze in Angriff zu nehmen oder grosszügig wegzuwischen, um Platz zu machen für neue Hoffnung und neue Leidenschaften.




Montag, 2. Januar 2017

Spaziergang in Weisslingen - Berchtoldstag

Heute ist der letzte Tag meiner langen Weihnachtsferien.


Ich sitze am Frühstückstisch und blicke auf den Wald und die weiss überzuckerten Felder, die hinter dem Garten beginnen. Draussen ist es schon hell, aber immer noch ganz ruhig. Noch ist niemand unterwegs, noch nicht einmal Hundebesitzer. Es ist so wunderschön still ohne das Dauerrauschen des üblichen Pendelverkehrs. So still wie an diesen Tagen ist es sonst während des ganzen Jahres nie. Ab morgen ist es dann definitiv vorbei damit. Heute aber feiert der Grossteil der Schweiz noch den letzten Weihnachtsfeiertag. Ich auch, mit einer leichten Katerstimmung nach meinen zwei Wochen Ferien.



Ich liebe die Feiertage Ende Jahr: Advent, Weihnachten, Stephanstag, die Zeit zwischen den Feiertagen, Silvester, Neujahr, Berchtoldstag bis hin zum Dreikönigstag. Es ist für mich eine lange Pause, eine Auszeit, ein Unterbruch im Alltag, in der die innere Uhr durcheinandergewirbelt wird und die Zeit keine Rolle spielt. Es ist eine andere Art von Ferien, wo man gar nichts muss: nicht wegfahren, nicht aktiv sein, an nichts denken, nichts erledigen oder abarbeiten. Eine zeitlose Zeit. Keine Pflicht, sondern Kür.


Es sind die Tage im Jahr, wo man nichts anderes tun muss, als Freunde und Familie zu treffen, es sich gemütlich zu machen, sich zu erholen und lange zu schlafen, Geschenke zu übergeben und entgegenzunehmen, sich selber und anderen gegenüber grosszügig zu sein, sich selber und anderen etwas zu gönnen, zu verwöhnen, zu schlemmen und etwas näher zusammenzurücken in dieser  dunkelsten Zeit des Jahres, diese mit Kerzen und Lichtern zu erhellen, mit Freude, Gesang, Düften und allerlei Wärmendem fröhlich zu machen, Freude zu verbreiten und gemeinsam das Fest des Friedens, der Liebe und der Erneuerung zu feiern. Eine fröhliche Zeit, eine besinnliche Zeit, eine Zeit der Freundlichkeit und der Annahme, der guten Vorsätze und Glückwünsche.


Wieso machen wir das eigentlich nicht öfter?


Mittwoch, 7. Dezember 2016

Spaziergang in Weisslingen - Advent

Düstere Tage, grau, feucht. Die Augen brennen von der Computerarbeit, dem künstlichen Licht und der trockenen Luft in geschlossenen Räumen. Deshalb zieht es mich jetzt raus an die frische Luft und ans Tageslicht, trotz Kälte und schlechtem Wetter. Doch draussen ist es kaum heller als drinnen, da hilft alles Blinzeln und Brilleputzen nicht. Es ist und bleibt düster. Eine dichte Hochnebeldecke und darüber graue Wolken lassen keinen Sonnenstrahl durch. Immerhin ist es nicht so kalt wie erwartet. Die leichte Jacke reicht. Ich schnüre meine Wanderschuhe und ziehe los.


Kein Mensch weit und breit, obwohl es Sonntagnachmittag ist. Die Düsternis lockt heute keinen hinter dem Ofen hervor. Auch die Tiere scheinen sich zurückgezogen zu haben. Kein Vogelsang ist zu hören, kein Zwitschern und auch kein Rascheln im Laub. Kein Muhen, kein Bellen, kein Ziegengemecker. Kein Kindergeschrei, kein Autorauschen in der Ferne, ja noch nicht einmal das leise Grollen eines Flugzeugs am Himmel. Rundum absolute Stille.


Ich staune jedes Mal, wie schnell sich alles verändert. Als ich das letzte Mal diesen Weg gegangen bin, knackten und raschelten die abgefallenen Blätter fröhlich unter meinen Schritten. Nun ist das Laub bereits zu einer braunen Masse zusammengefallen, die nass und schwer auf dem Weg liegt. Der Zersetzungsprozess hat bereits eingesetzt. Wie Skelette ragen jetzt die kahlen Äste in den grauen Himmel. Die bunten Herbstfarben haben nun den monochromatischen Farbtönen des Winters Platz gemacht: Braun, Grau und dunkles Grün dominieren die Landschaft.


Alles um mich spricht von Rückzug und Reduktion, von Verwesung, Tod und Vergänglichkeit. Doch das hat nichts zu bedeuten, denn Tod, so wie wir ihn verstehen, gibt es in der Natur nicht. Der Tod ist nur eine weitere Form der Veränderung im ewigen Kreislauf des Lebens. Die toten Blätter sind schon dabei, den Humus zu bilden für das neue Leben, das in Kürze wieder entstehen wird.

Ich gehe lange durch den Wald, bin fasziniert von der Stille und den zerfallenden Formen der Pflanzen. Ich komme mir vor wie in einem Märchenwald, den ich ganz für mich habe, fühle mich ausserhalb von Raum und Zeit. Auf einmal drückt das Abendlicht durch und färbt alles mit einem warmen, rotgoldenen Farbstich ein. Ich schaue verwundert in den Himmel, der nach wie vor grau ist. Woher kommt das Licht? Ein paar Minuten nur dauert dieser Zauber, dann verschwindet das goldene Licht wieder ins Nichts. Augenblicklich setzt darauf die blau-schwarze Nacht ein, und mit ihr kommt kalter Wind auf. Meine Kamera blinkt verzweifelt "Mehr Licht! Mehr Licht!". Zeit, nach Hause zu gehen.




Als es schon fast ganz dunkel ist, höre ich plötzlich laute Geräusche hinter den Tannen. Die Pferdefrau führt ihren alten Hengst und das Shetland-Pony spazieren. Ich erkenne sie von weitem. In der Dunkelheit sieht sie mich nicht. Wenig später überholt mich ein Pärchen, das wohl ebenfalls noch etwas frische Luft schnappen wollte. Diese Lebenszeichen haben jetzt etwas Tröstliches und Heimeliges. Ich bin also doch nicht ganz alleine im Zauberwald. Am Waldrand angekommen, schaue ich auf das Dorf hinunter, wo die Strassenlaternen angegangen sind. In vielen Fenstern brennt warmes Licht, und einige Häuser sind bereits mit weihnächtlichen Lichterketten geschmückt. Als ich den Hang hinuntergehe, begleitet mich der melodiöse Gesang eines Nachtvogels auf meinem Weg.