Donnerstag, 2. März 2017

Zazen im Kloster Fischingen


Zeitlinien
durchstreifen
die Gegenwart


auf der Suche nach
dem Gefundenwerden:


Offenbarung





Das Foto ist von mir, der Text von Bertold Albus. Das Foto ist entstanden an einem Zazentag, einem Tag des Schweigens und der Meditation, den Bertold Albus einmal im Monat im Kloster Fischingen leitet (zazen-bei-den-benediktinern).
In den Pausen nehme ich jeweils meine Kamera mit. Denn Meditation bzw. ein ruhiger, entspannter, offener Geist ist die beste Voraussetzung für kontemplative Fotografie. Es ist immer wieder spannend zu sehen, was mir an solchen Tagen ins Auge fällt. Deshalb freue ich mich jedesmal doppelt auf diese Meditationstage. Fotos, die an den Meditationstagen entstanden sind, finden sich in meinem Flickr-Album "Fischingen"
Dieses Foto hat Bertold zu seinem Text inspiriert, was mich wiederum zu diesem Blogpost inspiriert hat. Und wer weiss, vielleicht inspiriert das jetzt wiederum dich?

Sonntag, 26. Februar 2017

Frühling - mein alter Kater

Mein alter Kater traut der Frühlingssonne nicht 
und bleibt lieber noch eingerollt
im überheizten Wohnzimmer liegen. 













Diese Bilder habe ich durchs geschlossene Fenster aus dem warmen Wohnzimmer heraus fotografiert, mein Kater lag währenddessen gemütlich dösend auf dem Sofa. Er liess sich beim Schlummern nicht stören, behielt mich aber ganz genau (wenn auch unauffällig) im Auge.

Freitag, 24. Februar 2017

Spaziergang in Weisslingen - Frühlingshauch

Der Bauarbeiter pfeift heute auf dem Weg zu seiner Baustelle. Unsere Blicke kreuzen sich, wir lächeln. Er hört nicht auf, sein fröhliches Lied zu pfeifen. Auch mir ist nach Pfeifen und Summen zumute. Ein Hauch von Frühling liegt heute in der Luft.


Am Morgen früh ist es noch bitterkalt, Raureif überdeckt die Felder und überzieht Äste und Zweige wie feine Zuckerglasur. Die Sonne und der blaue Himmel täuschen, und auf dem Weg zur Arbeit muss ich mich noch vor gefrorenen Stellen in Acht nehmen, es geht ein eisiger Wind. Doch am Nachmittag ist vom Winter nicht mehr viel zu spüren. Die Sonne hat es geschafft, die Erde aufzuwärmen.


Nun zieht's die Menschen raus. Jogger und Nordic Walker laufen mir entgegen, und hie und da winkt mir ein Nachbar aus dem Garten zu für einen Schwatz. Auch die Tiere scheinen sich zu freuen. Das pensionierte Rennpferd springt und wälzt sich übermütig auf der Koppel, die beiden Ziegen spielen Fangen, und von überall her schallt munterer Vogelgesang. Im Wald trällern, zwitschern und flattern die Vögel wieder so laut und selbstverständlich, als ob es keinen Winter je gegeben hätte.



Nur noch an Nordhängen und schattigen Stellen liegt Schnee. Dort wird er sich noch lange halten. Die Stellen kenne ich mittlerweile und weiss sie zu umgehen. Denn heute ist mir nicht mehr nach Schneestapfen und Anstrengung zumute, nur noch nach der entspannten, fast vergessenen Leichtigkeit, die der Frühling wieder zurückbringt.


Als ich zum Weiher komme, staune ich, dass er immer noch mit einer dicken Eisschicht bedeckt ist. Erst jetzt fängt sie langsam an zu tauen.


Das Grün der Wiesen und Felder legt seinen grauen Schleier langsam ab. Schon bald wird es vom strahlend hellen Giftgrün frischer Jungpflanzen verdrängt und vergessen sein.


Wie leicht fühlt sich das Gehen an ohne die dicke Winterjacke, ohne Handschuhe, Mütze und feste Winterstiefel. Wie leicht fühlt sich das Gehen an auf aperen Wegen, wenn ich mich nicht durch wadentiefen Schnee kämpfen muss, wenn mir nicht eiskalte Luft ins Gesicht und in die Lunge schneidet. Die Kälte hat ihren festen Griff um meinen Brustkorb gelockert, die wärmende Sonne ihn gänzlich gelöst. Ich atme wieder frei und unbeschwert und fülle meine Lungen mit milder Frühlingsluft. Es fühlt sich angenehm an, weit und entspannt.


Die Tage sind schon merklich länger, am Morgen wie am Abend. Das Licht jedoch ist sanft, die Farben gedämpft. Pastellblau und rosa verfärbt sich jetzt abends der Himmel, wenn ich von meinem Spaziergang heimkehre. Ich muss mich nun nicht mehr so beeilen, denn bis zum Einbruch der Dunkelheit zieht es sich länger hin.


So schön der Winter war, die Welt scheint endlich wieder erleichtert aufzuatmen, befreit von der langen Dunkelheit, den düster-grauen Hochnebeltagen, der bitteren Kälte, dem vielen Schnee und Eis.


Doch nun werden wieder Pläne geschmiedet, Tickets gekauft und Abenteuer bestellt. Der Frühling motiviert zu Neuanfängen und Wagnissen. Krusten brechen auf, Panzer werden abgeworfen, Mut und neue Kraft bricht durch. Ein guter Zeitpunkt, um Neues auszuprobieren, Neujahrsvorsätze in Angriff zu nehmen oder grosszügig wegzuwischen, um Platz zu machen für neue Hoffnung und neue Leidenschaften.




Montag, 2. Januar 2017

Spaziergang in Weisslingen - Berchtoldstag

Heute ist der letzte Tag meiner langen Weihnachtsferien.


Ich sitze am Frühstückstisch und blicke auf den Wald und die weiss überzuckerten Felder, die hinter dem Garten beginnen. Draussen ist es schon hell, aber immer noch ganz ruhig. Noch ist niemand unterwegs, noch nicht einmal Hundebesitzer. Es ist so wunderschön still ohne das Dauerrauschen des üblichen Pendelverkehrs. So still wie an diesen Tagen ist es sonst während des ganzen Jahres nie. Ab morgen ist es dann definitiv vorbei damit. Heute aber feiert der Grossteil der Schweiz noch den letzten Weihnachtsfeiertag. Ich auch, mit einer leichten Katerstimmung nach meinen zwei Wochen Ferien.



Ich liebe die Feiertage Ende Jahr: Advent, Weihnachten, Stephanstag, die Zeit zwischen den Feiertagen, Silvester, Neujahr, Berchtoldstag bis hin zum Dreikönigstag. Es ist für mich eine lange Pause, eine Auszeit, ein Unterbruch im Alltag, in der die innere Uhr durcheinandergewirbelt wird und die Zeit keine Rolle spielt. Es ist eine andere Art von Ferien, wo man gar nichts muss: nicht wegfahren, nicht aktiv sein, an nichts denken, nichts erledigen oder abarbeiten. Eine zeitlose Zeit. Keine Pflicht, sondern Kür.


Es sind die Tage im Jahr, wo man nichts anderes tun muss, als Freunde und Familie zu treffen, es sich gemütlich zu machen, sich zu erholen und lange zu schlafen, Geschenke zu übergeben und entgegenzunehmen, sich selber und anderen gegenüber grosszügig zu sein, sich selber und anderen etwas zu gönnen, zu verwöhnen, zu schlemmen und etwas näher zusammenzurücken in dieser  dunkelsten Zeit des Jahres, diese mit Kerzen und Lichtern zu erhellen, mit Freude, Gesang, Düften und allerlei Wärmendem fröhlich zu machen, Freude zu verbreiten und gemeinsam das Fest des Friedens, der Liebe und der Erneuerung zu feiern. Eine fröhliche Zeit, eine besinnliche Zeit, eine Zeit der Freundlichkeit und der Annahme, der guten Vorsätze und Glückwünsche.


Wieso machen wir das eigentlich nicht öfter?


Mittwoch, 7. Dezember 2016

Spaziergang in Weisslingen - Advent

Düstere Tage, grau, feucht. Die Augen brennen von der Computerarbeit, dem künstlichen Licht und der trockenen Luft in geschlossenen Räumen. Deshalb zieht es mich jetzt raus an die frische Luft und ans Tageslicht, trotz Kälte und schlechtem Wetter. Doch draussen ist es kaum heller als drinnen, da hilft alles Blinzeln und Brilleputzen nicht. Es ist und bleibt düster. Eine dichte Hochnebeldecke und darüber graue Wolken lassen keinen Sonnenstrahl durch. Immerhin ist es nicht so kalt wie erwartet. Die leichte Jacke reicht. Ich schnüre meine Wanderschuhe und ziehe los.


Kein Mensch weit und breit, obwohl es Sonntagnachmittag ist. Die Düsternis lockt heute keinen hinter dem Ofen hervor. Auch die Tiere scheinen sich zurückgezogen zu haben. Kein Vogelsang ist zu hören, kein Zwitschern und auch kein Rascheln im Laub. Kein Muhen, kein Bellen, kein Ziegengemecker. Kein Kindergeschrei, kein Autorauschen in der Ferne, ja noch nicht einmal das leise Grollen eines Flugzeugs am Himmel. Rundum absolute Stille.


Ich staune jedes Mal, wie schnell sich alles verändert. Als ich das letzte Mal diesen Weg gegangen bin, knackten und raschelten die abgefallenen Blätter fröhlich unter meinen Schritten. Nun ist das Laub bereits zu einer braunen Masse zusammengefallen, die nass und schwer auf dem Weg liegt. Der Zersetzungsprozess hat bereits eingesetzt. Wie Skelette ragen jetzt die kahlen Äste in den grauen Himmel. Die bunten Herbstfarben haben nun den monochromatischen Farbtönen des Winters Platz gemacht: Braun, Grau und dunkles Grün dominieren die Landschaft.


Alles um mich spricht von Rückzug und Reduktion, von Verwesung, Tod und Vergänglichkeit. Doch das hat nichts zu bedeuten, denn Tod, so wie wir ihn verstehen, gibt es in der Natur nicht. Der Tod ist nur eine weitere Form der Veränderung im ewigen Kreislauf des Lebens. Die toten Blätter sind schon dabei, den Humus zu bilden für das neue Leben, das in Kürze wieder entstehen wird.

Ich gehe lange durch den Wald, bin fasziniert von der Stille und den zerfallenden Formen der Pflanzen. Ich komme mir vor wie in einem Märchenwald, den ich ganz für mich habe, fühle mich ausserhalb von Raum und Zeit. Auf einmal drückt das Abendlicht durch und färbt alles mit einem warmen, rotgoldenen Farbstich ein. Ich schaue verwundert in den Himmel, der nach wie vor grau ist. Woher kommt das Licht? Ein paar Minuten nur dauert dieser Zauber, dann verschwindet das goldene Licht wieder ins Nichts. Augenblicklich setzt darauf die blau-schwarze Nacht ein, und mit ihr kommt kalter Wind auf. Meine Kamera blinkt verzweifelt "Mehr Licht! Mehr Licht!". Zeit, nach Hause zu gehen.




Als es schon fast ganz dunkel ist, höre ich plötzlich laute Geräusche hinter den Tannen. Die Pferdefrau führt ihren alten Hengst und das Shetland-Pony spazieren. Ich erkenne sie von weitem. In der Dunkelheit sieht sie mich nicht. Wenig später überholt mich ein Pärchen, das wohl ebenfalls noch etwas frische Luft schnappen wollte. Diese Lebenszeichen haben jetzt etwas Tröstliches und Heimeliges. Ich bin also doch nicht ganz alleine im Zauberwald. Am Waldrand angekommen, schaue ich auf das Dorf hinunter, wo die Strassenlaternen angegangen sind. In vielen Fenstern brennt warmes Licht, und einige Häuser sind bereits mit weihnächtlichen Lichterketten geschmückt. Als ich den Hang hinuntergehe, begleitet mich der melodiöse Gesang eines Nachtvogels auf meinem Weg.


Montag, 7. November 2016

Spaziergang in Weisslingen - Herbst

“Was ist heute bloss los mit mir? Schon nach wenigen Schritten komme ich ins Keuchen und Schwitzen, dabei geht es noch nicht einmal richtig bergauf. Ich bin diesen Weg doch schon hundertmal gegangen, mühelos, bin ich etwa krank? Oder macht mir die Sonne zu schaffen, die heute plötzlich den Nebel verdrängt hat, unerwartet und ungewohnt warm. Vielleicht bin ich auch einfach nicht fit genug? Ich sollte häufiger spazieren gehen, vielleicht sogar wieder ein bisschen joggen... Überhaupt sollte ich mehr Sport treiben… Anderseits sollte ich auch mehr ausruhen, einfach nichts tun, mit Nero auf dem Sofa liegen und einfach nur aus dem Fenster schauen... Ich sollte mich sowieso mehr dem Kater widmen, der ist ja immer alleine und wird auch nicht jünger... Vielleicht sollte ich auch wieder einmal etwas für meine persönliche Weiterentwicklung tun. Und das Soziale mehr pflegen, klar. Harfe üben sollte ich auch wieder häufiger, ein bisschen mehr Disziplin diesbezüglich würde viel bringen. Gut, dass ich die Kamera dabei habe, immerhin das. Anschliessend sollte ich die Fotos aber auch gleich runterladen und bearbeiten, sonst... Auch wegen des Gewichts wäre es übrigens gut, häufiger spazieren zu gehen, immer wenn ich frei habe eine Runde, vielleicht grad als erstes am Morgen. Dann Harfe üben. Dann der Rest. Sollte ich. Ich sollte, ich sollte, ich sollte.”


So marschiere ich durch diesen Herbstnachmittag, unruhig, angespannt und gehetzt. Meine Gedanken jagen einander, jagen mich, und ich schaffe es heute nicht, sie zur Ruhe zu bringen. Dann fällt mein Blick auf den Weiher weiter unten auf der anderen Seite der Strasse, und auf die Bäume in den herbstlichen Farben. Das Wetter ist zwar nicht so klar, aber vielleicht hat es trotzdem Spiegelungen im Wasser? Ich nehme die Direttissima über den Acker bis hinunter an die Kantonsstrasse, warte auf eine Lücke im Verkehr, überquere sie und bin nach wenigen Schritten am Brauiweiher.


Tatsächlich, da sind sie, die Spiegelungen, auf die ich spekuliert hatte. Schon an der ersten Bucht, die mir freie Sicht aufs Wasser ermöglicht, sehe ich sie. Sie sind nicht so farbenprächtig wie letztes Jahr, dafür zarter, verträumter, romantischer vielleicht. Ich beginne zu fotografieren.


Dann gehe ich weiter zur nächsten Bucht, wo ich neue Spiegelungen entdecke, die mich fesseln. Ich fotografiere weiter. Stück um Stück umrunde ich so langsam den Weiher, nehme mir an jeder Bucht Zeit zu schauen, Spiegelungen zu entdecken und zu fotografieren. Die Gedanken sind wie weggeblasen, die innere Unruhe und die Erschöpfung auch.


Bis ich ans Ende des Uferwegs komme, bin ich ziemlich durchfroren, denn diese Seite des Tales liegt bereits im Schatten. Ich kämpfe mich durch Matsch, Schilf und Gestrüpp, überquere erneut die Strasse und wandere - jetzt wieder mühelos und leicht - den gegenüberliegenden Hang hoch, wo ich mich auf meine Lieblingsbank am Waldrand setzte und mich von der Sonne aufwärmen lasse. Ich schaue in die Weite. Mein Kopf ist wohltuend leer und still.





Mit einem Mal kommen Windböen auf, wie aus dem Nichts. Ich erschrecke über laute Geräusche hinter mir im Wald: es tönt wie Regen, wie die ersten grossen Regentropfen eines Platzregens - plopp plopp plopp. Aber es ist kein Regen, es sind die vielen Blätter, die jetzt von den Bäumen fallen - plopp plopp plopp.


Ich mache mich auf den Heimweg. Vor der grossen Pappel bleibe ich stehen. Die kleinen Blätter tanzen wild und rascheln im Wind wie Kastagnetten, die Rückseiten glänzen silbern im Abendlicht. Der Wind wird stärker und kälter, ich gehe rasch weiter. Der Himmel ist voller goldener Buchenblätter, die verspielt durch die Luft wirbeln. Dazwischen segeln vereinzelt grosse, dürre Ahornblätter auf die Wiese und auch auf mich. Der Blätterregen bringt mich zum Lachen, auch der dichte Laubteppich auf dem Pfad, der meine Schritte weich abfedert.


Die Bise weht immer kräftiger, meine Schritte werden schneller. Die "Ich sollte"-Gedanken von vorhin kommen mir wieder in den Sinn. Doch jetzt es sind bloss noch zwei Worte. So sehr ich mich auch anstrenge, die Fortsetzung des Satzes bleibt aus. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich alles unbedingt und so dringend noch machen sollte. “Ich sollte, ich sollte, ich sollte” skandiere ich nun lächelnd im Takt meiner Schritte. Die drei Silben bilden die Marschmusik, die meinen Trab durch den Wald begleitet. Wie Tambouren feuern sie rhythmisch meinen Lauf an, "ichsollteichsollteichsollte", bis ich im Windschatten der ersten Häuser angekommen bin.


Fast schon zu Hause sehe ich vor dem Haus einer älteren Nachbarin einen Kombi mit Umzugskartons stehen. Ich warte, bis jemand aus der Türe rauskommt, und frage, ob Anne-Rose auszieht. Sie hatte letztes Jahr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, schien sich aber gut erholt zu haben, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. “Sie ist nicht mehr gut auf den Beinen, das kam ganz plötzlich”, erzählt mir ihr Schwiegersohn. “Und da gerade eine Wohnung im Alterswohnheim freigeworden ist, hat sie sich entschieden, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, umzuziehen.” Ich bin betroffen, lasse Grüsse ausrichten und nehme mir vor, sie nächstens dort besuchen zu gehen (ich sollte, ich sollte).



Dann habe ich mich für einen Achtsamkeits-Workshop angemeldet, mein Interesse an einem Lesezirkel bestätigt, der gerade am Entstehen ist, ein Trampolin zum Testen bestellt, eine Freundin aus meiner Kindheit angeschrieben, die ich übers Internet wiedergefunden habe. Und den Rest des Abends verbringe ich mit Nero und einem guten Buch gemütlich und genussvoll auf dem Sofa.

Montag, 11. Juli 2016

Santiago de Compostela


Dass ich einmal so in Santiago ankommen würde, so ganz profan mit Flugzeug und Mietauto, hätte ich auch nicht gedacht, als ich vor 6 Jahren mit Pilgern begonnen hatte.



Über Freunde habe ich 2010 zum ersten Mal vom Jakobsweg gehört. Ein halbes Jahr später habe ich  mich selber auf den Weg gemacht. Eine Woche lang bin ich damals alleine von Konstanz bis an den Vierwaldstättersee gepilgert. Diese eine Woche ist mir so eingefahren, dass ich beschlossen habe, jedes Jahr ein Stück auf dem Jakobsweg weiterzugehen bis nach Santiago de Compostela. Aber wie so oft, wenn man sich etwas vornimmt, kam es anders. Jahr für Jahr kam wieder etwas dazwischen, so dass sich meine Pilgerreise immer weiter nach hinten verschoben hat.
Jetzt bin ich trotzdem in Santiago angekommen, wenn auch völlig anders als erwartet: nicht alleine, sondern mit dem Fotokünstler, nicht pilgernd, sondern um ihn bei den Vorbereitungen für eine Fotoreise zu unterstützen, die er im Herbst leiten wird.


Schon bei unserem ersten Stadtbesuch sehe ich sie, die "richtigen" Pilger, wie sie ankommen auf der Plaza de Obradoiro vor der mächtigen Kathedrale, dem Endziel aller Jakobswege. Ihr Glück strahlt durch die Pelerine hindurch, weder Regen noch Kälte können ihnen etwas anhaben. Unter all den Menschen in dieser Stadt - Einheimische, Studenten, Touristen und Wallfahrer - sind sie hier die wahren Könige.
Santiago gehört den Pilgern, sie sind die Helden, das Herz und der Motor dieser Stadt. Ununterbrochen kommen sie an, in Gruppen, auf Fahrrädern, zu zweit oder alleine, Junge und Alte, aus dem In- und Ausland. Das Glück, das sie ausstrahlen, wirkt ansteckend. Ich freue mich mit ihnen, auch wenn sich unter die Freude etwas Wehmut mischt darüber, dass ich nicht auch zu dieser Pilgerschar dazugehöre, dass ich nicht ebenfalls pilgernd angekommen bin.


Die Altstadt von Santiago gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie ist riesengross und wunderschön erhalten. So können wir uns, zusammen mit den anschaulichen Informationen im neuen Pilgermuseum, gut vorstellen, wie es hier im Mittelalter zu- und hergegangen ist. Das muss damals nicht viel anders gewesen sein als heute.
Die Stimmung in Santiago ist offen und lebhaft, gleichzeitig aber auch ruhig und entspannt. Vielleicht liegt es daran, dass die gesamte Altstadt autofrei ist. Vielleicht liegt es aber auch an den Pilgern, die seit Jahrhunderten das Stadtbild prägen. In ihrer Ausstrahlung unterscheiden sie sich von den anderen Menschen hier. Mit ihrer unaufdringlichen Präsenz scheinen mehr in sich zu ruhen, und weniger nach aussen orientiert zu sein als die anderen Besucher.


Am letzten Tag kommen wir beim Abendessen mit zwei von ihnen ins Gespräch. Die beiden sitzen ein paar Tische weiter und unterhalten sich angeregt. Später erzählen sie uns, dass sie erst vor ein paar Stunden in Santiago angekommen sind. Überdreht von der Erschöpfung, dem Wein und der Freude schwenken sie ihre Pilgerurkunden, reden und lachen etwas zu laut. Die Köpfe der anderen Gäste und des Kellners drehen sich mehrmals nach ihnen um. Auch wir schauen wie gebannt hin. Ich freue mich über ihre Freude und frage sie nach ihrer Geschichte, die sie gerne mit uns teilen. Ich gratuliere ihnen dafür, dass sie dieses grosse Unterfangen gewagt und geschafft haben. Und wieder mischt sich Wehmut unter meine Mit-Freude und Bewunderung.


Der Faszination des Pilgerns kann sich hier niemand entziehen. Und so beschliesse ich nochmals und ganz fest, spätestens nächstes Jahr meine eigene Pilgerreise wieder aufzunehmen. Kaum habe ich den Entschluss gefasst, kommen auch gleich Ängste und Zweifel auf: Werde ich wirklich den Mut aufbringen und es durchziehen? Liegt das körperlich überhaupt noch drin? Schliesslich bin ich ja unterdessen doch einige Jahre älter geworden. Macht das denn noch Sinn, nach all den Jahren? Und wenn ich dann enttäuscht bin? Und wann soll das noch in meinen Kalender passen? Und und und...



Auch am Flughafen begegnen wir wieder Pilgern. Wie wir warten sie auf den Flug, der sie zurück in ihre Heimat und ihren Alltag bringen wird. Da ist der ältere Herr: strahlend und selbstbewusst trägt er seine grosse Holzmuschel um den Hals, stellt sie der ganzen Welt zur Schau. Seine Frau ist ihm entgegengeflogen und zusammen kehren sie nun heim. Sein Stolz auf die vollbrachte Leistung ist unübersehbar. Da sind die zwei Freundinnen: sie plappern ununterbrochen aufgeregt über ihre Pilgerwoche mit Hund, während sie hinter uns am Check-in-Schalter anstehen. Die eine der beiden ist trotz der Kälte barfuss, mit wundgelaufenen Füssen. In der Abflughalle dann eine weitere Pilgerin, alleine mit ihrem grossen Rucksack: Sie ist schon etwas älter und steht etwas verloren in der grossen Abflughalle herum, unschlüssig, was sie tun soll. Sie wirkt etwas verwirrt, als sei sie gerade erst von einem Traum erwacht und noch gar nicht richtig in der Realität angekommen. Ob sie sich Zuhause wieder zurechtfinden wird nach dieser langen, aussergewöhnlichen Reise? Ob sie sich etwas von dem, was sie in den letzten Wochen oder Monaten erfahren und erlebt hat, in ihrem Alltag erhalten kann? Die gewonnenen Erkenntnisse auf ihrem weiteren Lebensweg umsetzen kann? Das Bild stimmt mich nachdenklich, und im Stillen wünsche ich ihr ganz viel Glück und Kraft. Denn von allen schwierigen Etappen des Jakobswegs ist der Rückweg wahrscheinlich die allerschwierigste.