Sonntag, 11. Februar 2018

Spaziergang in Weisslingen - Bergsturz


Es beginnt ganz leise und unscheinbar. Wie erste Kieselsteine, die ins Rollen geraten und den entfernten Erdrutsch ankündigen, summieren sich die ärgerlichen, bedauerlichen und doch ganz gewöhnlichen, teilweise völlig unwichtigen Ereignisse: der Lieblingsschirm, der liegengeblieben ist, ein verspäteter Zug und ein verpasster Anschluss, eine unachtsame Bemerkung, nicht bös gemeint, ein blödes Missverständnis, ein Missgeschick in der Hektik, der Abschied von einem lieb gewonnenen Kollegen, ein Antwortmail, das nicht rechtzeitig kommt. Banale Alltagsscheissereien eben.

Da rollt ein Steinchen hinunter, dort ein grösserer, und auf der anderen Seite gleich mehrere zusammen. Und man steht da, man sieht sie rollen, versucht den einen aufzuhalten, den anderen abzufangen und die rieselnde Erde festzuhalten. Doch irgendwann sind es zu viele, der Hang beginnt zu wanken, und man wankt mit. Mit aller Kraft stemmst du dich dagegen, greifst verzweifelt nach den Grashalmen und Wurzeln, die sich dir helfend entgegenstrecken. Die Krallen der Trauer aber halten dich längst fest und ziehen dich unweigerlich hinunter.


Du weisst es aber noch nicht, wehrst dich standhaft und zappelst. Versuchst, die Trauer in Wut umzuwandeln, stellst Zielscheiben auf: "sie hat...!" und "er hat nicht...!". Doch wenn du ehrlich mit dir bist, nimmst du die Schiessscheiben wieder runter, denn was passiert hat nichts mir "ihr" und "ihm" zu tun. Du richtest dann die Wut gegen dich selber: "warum habe ich...?" und "warum habe ich nicht....?".  Doch wenn du genug erfahren bist, durchbrichst du auch diesen Kreis von destruktiven Gedanken, denn Selbstvorwürfe sind sinnlos und mehren nur den Schmerz.


So fällst du weiter, immer tiefer zieht es dich jetzt hinunter, unaufhaltbar wird dein Fallen. Du spürst, dass dich die Kraft verlässt, dass die Kraft nicht mehr reicht, dagegen anzukämpfen, und dass alle Grasbüschel, Zweige und Äste dieser Welt dir niemals so viel Halt bieten könnten, dass du nicht fällst. Und irgendwann beginnst du loszulassen. Keine Kraft könnte den freien Fall mehr stoppen. So gibst du auf, lässt los und lässt dich runterziehen. Ganz tief hinunter, bis in den Hades, dort, wo kein Sonnenstrahl sich je verirren wird und sich die Gollums dieser Welt versammeln.


"Go with the flow" heisst es. Nur dass der "Flow" diesmal nach unten führt. Doch, so paradox es klingt und so unvorstellbar es dir im Moment erscheint, dich fallenlassen ist der erste Schritt zur Heilung. Es ist das beste, was du tun kannst. Dem Fluss zu widerstehen, wird dir eh nicht gelingen und dein Leiden nur in die Länge ziehen.


Und wenn du fällst und fällst, und du im Fallen Übung hast, weisst du, dass irgendwann die Talsohle erreicht sein wird. Je eher, desto besser. So tief du auch fällst, die Talsohle kommt immer. Irgendwann schlägst du auf, dann wird es augenblicklich wieder ruhig und still. Du bleibst erst mal noch eine Weile benommen liegen. Beginnst ganz vorsichtig, die Glieder zu bewegen. Prüfst, ob noch alles da und ganz ist. Spürst wieder etwas Kraft zurückkehren. Stehst also langsam auf, ungelenk und wacklig. Klopfst dir den Staub aus deinen Kleidern, schüttelst Schlamm und Erdkrumen ab und schaust dich um. Danach probierst du, einen ersten Schritt zu gehen, und dann behutsam einen zweiten, und dann den nächsten. Und machst dich langsam wieder auf den Weg, der Talsohle entlang. Hochzuschauen und nach der Stelle zu suchen, wo du vorher gestanden bist, macht keinen Sinn. Du bist jetzt hier und musst von hier aus weiter. Es wird noch dauern, bis du wieder an Höhe gewinnst, wie lange, weiss man nicht. Es spielt auch keine Rolle. Wichtig ist nur, den einen Schritt zu machen, der dich ein kleines bisschen weiter weg bringt von dort, wo du gerade stehst.


Langsam dringen Geräusche wieder zu dir durch, du erkennst blass die Farben wieder und spürst die Gräser am Wegesrand, die dich nun liebevoll, sanft tröstend streifen. Die kalte Luft tut gut und erfrischt angenehm das Gesicht. Die Welt um dich herum beginnt sich langsam wieder zu bewegen, du nimmst sie wahr, wirst wieder Teil davon. Sie ist noch da, es ist noch alles da, nichts hat sich verändert. Auch du bist immer noch ganz und da. Die Wunden von dem Sturz beginnen sich schon langsam wieder zu schliessen. Die Narben bleiben, doch man sieht sie kaum, und auch du hast sie vielleicht schon bald vergessen.



Mittwoch, 31. Januar 2018

Spaziergang in Weisslingen - Frühling, Neubeginn

Die lang vermisste Sonne drückt heute endlich wieder sanft durch die graue Wolkendecke. Von drinnen sieht es aber freundlicher aus, als es in Wahrheit ist. Die Sonne ist blass und wärmt noch kaum, es bläst ein kalter Wind. Und doch entdecke ich auf meinem Spaziergang überall Boten des Frühlings, Zeichen des Neuanfangs.



Nachdem sich mit den Winterfeiertagen auch der Schnee vom Mittelland verabschiedet hat, sah es schon bald - wir glaubten es kaum - recht frühlingshaft aus. Die Tage wurden länger, das Licht mit jeder Woche mehr, und es schien sanfter und vielversprechend.


Am Teich tut sich noch nichts, die Froschschutznetze entlang der Wege sind aber grösstenteils schon aufgestellt. Das Gras der Wiesen grünt intensiv und frisch, und in den Bäumen singt, krächzt und flattert es gewaltig. Nicht nur die Krähen sitzen jetzt paarweise auf den Ästen.



Braun und dunkle Farbtöne dominieren noch im Wald, doch zwischendurch strahlt bereits das helle Grün vom Moos und jungem Farn, und schon an manchen Büschen wachsen Knospen.



Frühling, ein neuer Lebenszyklus beginnt. Die meisten Neuanfänge kommen leise, in kleinen, kaum wahrnehmbaren Schritten, wie der Frühling. Und wie der Frühling sind sie unaufhaltbar. Ein Neubeginn ist immer möglich. Warum nicht jetzt? Der Frühling hat doch auch schon wieder angefangen.


Montag, 8. Januar 2018

Spaziergang in Weisslingen - verspätetes Neujahrswochenende

Zum Jahreswechsel nehme ich mir gerne ein paar Tage Zeit, um zurückzublicken und das neue Jahr bewusst und in der Stille zu begrüssen. Dieses Jahr hat mich aber eine heftige Grippe daran gehindert, und statt das Jahr besinnlich zu beginnen, bin ich eher reingestolpert und habe mich gerade noch knapp durchgeschleppt, bevor ich wieder arbeiten gehen musste. Also hole ich mein verpasstes Neujahr "just for myself" dieses Wochenende nach.



Jeden Tag komme ich wieder ein bisschen mehr zu Kräften. Nachdem ich gestern meinen "Neujahrsspaziergang" vorzeitig abbrechen musste, wage ich heute einen zweiten Versuch. Heute nehme ich den Weg zum Waldrand hoch, auch wenn die Steigung mich arg zum Keuchen bringt. Zwischendurch scheint die Sonne, gleichzeitig geht aber immer noch ein heimtückisch kalter Wind. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, den Spaziergang wieder abzubrechen und umzukehren. Aber ich rede mir gut zu und entscheide mich schliesslich fürs Weitergehen. Ich erlaube mir, noch langsamer zu gehen, setze einen Schritt nach dem anderen, ohne Hast, bis ich am Waldrand oben angekommen bin.



Nach all der Zeit im Krankenbett und in der dunklen Wohnung dürstet es mich nach frischer Luft und Licht. Die Sonne motiviert mich zusätzlich, und so schleppe ich mich noch ein Stück weiter. Ich weiss ja, wie es geht. Langsam, Schritt für Schritt und mit einer längeren Pause auf der Bank an der Sonne und im Windschutz der hohen Bäume. Ich habe ja Zeit.



Zwischendurch erklingt Vogelgesang. Ich bilde mir ein, dass es ein erstes Frühlingszeichen ist. Später verstummt er jedoch wieder.


Im Wald sind die Auswirkungen der stürmischen "Burglind" unübersehbar: Abgebrochene Äste hängen in den Wipfeln, mehrere Bäume wurden entwurzelt, der Weg ist mit heruntergewehten Zweigen bedeckt. Teilweise tragen sie schon hellgrüne Triebe und Knospen - ebenfalls erste Frühlingsboten?

Da es mein nachgeholter Neujahrsspaziergang ist, kreisen meine Gedanken ums vergangene Jahr und ums kommende. Das letzte Jahr hatte gut begonnen, sofern ich mich richtig erinnere. Schon bald haben sich dann aber belastende Ereignisse die Klinke in die Hand gegeben. Ich habe natürlich auch sehr Schönes erlebt, aber die schwere Grippe zum Jahresende passt ganz gut zu meinem 2017. Da kann ich nur hoffen, dass es 2018 umgekehrt sein wird und es sich nach diesem mässigen Start zu einem Besseren entfaltet. Wissen kann ich es natürlich nicht.


So oder so, es bleibt mir nichts anderes übrig, als das Beste daraus zu machen und weiterzugehen, Schritt für Schritt, wie auf diesem Spaziergang. Und wenn es harzig wird, noch langsamer und behutsamer, aber beständig weiterzugehen auf meinem Weg. Vorsätze nehme ich mir keine vor, ausser eben genau das, auf meinem Weg zu bleiben und weiterzumachen mit dem, was ich bereits tue, mit Vertrauen, Kreativität und Freude als meine Wegweiser, mit guten Menschen als meine Begleiter und mit viel Dankbarkeit für all das, was ich habe. In diesem Sinne: Happy New Year an alle, die auf dem Weg sind - und wer ist das schon nicht?

Sonntag, 29. Oktober 2017

Fotoreise Normandie - ein grausiger Fund



Auf meinem Spaziergang am Strand von Étretat bin ich schon fast am östlichen Felsentor angelangt. Das Wetter hat umgeschlagen, es sieht aus, als ob es bald regnen würde. Die anderen Strandspaziergänger sind bereits ins Dorf zurückgekehrt, und auch der Fischer packt jetzt sein Angelzeug zusammen. Diese gewaltige, weite Landschaft aus Felsen, Wasser und Luft habe ich jetzt ganz für mich.



Weiter hinten entdecke ich eine Ansammlung von Möwen. Ich möchte sie fotografieren und nähere mich ihnen langsam und vorsichtig, um sie nicht zu verscheuchen. Doch sie scheinen mich gar nicht zu bemerken. Sie sind ganz mit sich und ihrem Tun beschäftigt.



Nun drehe auch ich um und mache mich langsam auf den Rückweg, den Blick nach unten gesenkt auf der Suche nach Strandgut und schönen Kieselsteinen. Strandgut hat es kaum, doch mitten in den Kieseln glänzt etwas silbern. Als ich genauer hinschaue, entdecke ich die Schwanzflosse eines toten Fisches. Der Fisch ist klein und scheint noch nicht lange tot zu sein. Vielleicht ein junger Hering? Gleich daneben entdecke ich eine tote Qualle. Auch sie sieht aus, als sei sie noch nicht lange tot.





Nach ein paar Schritten entdecke ich einen weiteren toten Fisch, dieselbe Art wie vorhin. Silber-grau glitzert er inmitten der matten Kieselsteine. Mit seinem grossen, schwarzen Auge schaut er mich direkt an, klar und ungetrübt ist sein Blick.




Und gleich daneben liegt noch einer. Und dann noch einer. Und als ich noch mehr tote Fische erblicke, senke ich langsam die Kamera. Vielleicht hat der Angler von vorhin die kleinen Fische als Köder benutzt und sie danach liegengelassen? Ich habe diesen Gedanken noch nicht einmal zu Ende gedacht, da entdecke ich weitere tote Fische, immer mehr. Überall liegen sie an der Grenze zwischen Wasser und Steinen, dort, wo sich die letzte Flut gerade erst zurückgezogen hat. Langsam und mit immer grösser werdendem Entsetzen hebe ich den Blick: Vor mir liegt ein ganzes silbernes Band, das sich der Wassergrenze entlang bis zum Horizont hinzieht - es ist ein Band aus Hunderten, ja Tausenden kleiner, toter Heringe! Jetzt denke ich gar nichts mehr, mein Magen zieht sich zusammen und ich will nur noch weg von hier. Ich würde gern jemanden fragen, von meinen grausigen Fund berichten, doch da ist niemand mehr weit und breit.





Selbst jetzt noch, im Abstand von fast zwei Monaten, wird mir mulmig. Das Bild all dieser toten Fische lässt mich nicht mehr los. Irgendwann beginne ich, nach "poissons morts" und "Étretat" zu googlen. Und tatsächlich, ich werde schnell fündig: Genau am gleichen Tag, am 3. September, sind Hunderte von Merlanen am Strand im nicht weit entfernten Le Havre verendet. Allerdings schon drei Jahren vorher, 2014. Die Behörden haben über die Ursache dieses "makaberen Fundes" gerätselt. Ein Fall von Wasserverschmutzung wurde damals ausgeschlossen, weil dann nicht nur eine Fischart, sondern noch andere Meerestierarten betroffen gewesen wären. Möglicherweise habe ein Fischerboot die Fische als 'Ausschussware' (Beifang), da zu klein, ins Meer geworfen, oder einen Teil seines Fangs verloren. Das waren auch meine Gedanken am Strand von Étretat.
Ich google weiter und stosse auf Artikel aus der ganzen Welt, die von ähnlichen Phänomenen berichten. Alle stellen sich die gleichen Fragen, stellen ähnliche Vermutungen an, aber niemand kann sich das genau erklären. Ein Journalist aus Costa Rica bringt den dortigen Vorfall in einen möglichen Zusammenhang mit Walen, die am Tag zuvor in Neuseeland gestrandet und verendet sind.

Die Journalistin des France3-Artikels beendet ihren Bericht über den Vorfall in Le Havre 2014 mit den Worten: "Anschliessend haben Möwen den Strand gesäubert. Bis zum heutigen Tag wurde keine Untersuchung über diesen überraschenden Vorfall geführt..."


Sonntag, 22. Oktober 2017

Fotoreise in die Normandie - Claps

Claps, ausgesprochen wie Klaps, aber mit einem weicheren K, eher wie Klops als Klaps, heisst im Friaulischen, der Muttersprache meiner Mutter, Steine. Der Strand von Étretat besteht aus Claps.





Die Kiesel am Strand von Étretat sind gross, so gross wie Eier, manche auch etwas kleiner, wie überdimensionierte Wachteleier. Das Gehen auf diesen Steinen ist mühsam, das stelle ich gleich am ersten Tag fest, als ich barfuss über diesen Strand zu gehen versuche. Ich finde keinen Halt, die Steine weichen unter meinem Gewicht, neigen sich zur Seite, rollen unter meinen Füssen weg. Ich torkle wie eine Betrunkene, sinke ein wie in Treibsand. Nur dass es kein Sand ist, sondern Tausende, ja Millionen von Kieseln, gross, hart und rund. Rundgeschliffen vom Meer. Ich habe an keinem einzigen eine Ecke, scharfe Kante oder auch nur eine kleine Spitze entdeckt. Es sind Steine, wie in man sie eher in einem Flussbett in gewissen Gebirgstälern im Süden findet, zum Beispiel im Tessin oder im Friaul, als am Meer.



Ich erinnere mich jetzt noch an das Geräusch der Steine in der Brandung: Einzelne "claps", wie das Zusammenschlagen zweier Billardkugeln, kurz und sec, wenn die Welle aufs Ufer trifft. Eine immer grösser werdende Anzahl von "claps-claps-claps", wenn sich die Welle am Ufer zu brechen beginnt. Bis ich zum Schluss keine einzelnen "claps" mehr unterscheiden kann, weil sie in einen lauten, monumentalen Chor übergehen und sich in einem einzigen, steinernen Rauschen vereinigen. Dann hört es sich an, als ob ein Riese einen Sack voller Murmeln über den Strand ausleeren würde.

An der Uferpromenade fallen mir die häufigen Verbotsschilder auf. Sie zeigen eine Hand, die mit Daumen und Zeigefinger ein schwarzes Oval aufheben will. Das schwarze Oval, "Galets", darf man auf keinen Fall mitnehmen, strengstens verboten unter Androhung einer Busse von 90 Euro. Lange rätsle ich, was dieses Oval wohl darstellen soll. Die Kiesel können ja wohl kaum damit gemeint sein... 90 Euro für einen Kieselstein, von denen es hier eine unendliche Anzahl zu geben scheint? Aber was sonst? Vielleicht Möweneier? Ich staune nicht schlecht, als ich später nachschaue: Galets heisst tatsächlich Kieselsteine. Das Rätsel klärt sich weiter, als ich auf einer ausführlicheren Infotafel die Erklärung nachlese: Die Kiesel haben eine wichtige Funktion. Sie schützen die Küste vor Erosion durch das Meer, weil hier die Brandung eine ungeheure Wucht haben kann.



Die Felsen bestehen aus Kreide und Feuerstein. Kreide ist weich und porös, Feuerstein sehr hart. Der Fels erodiert durch den Regen, Gesteinsbrocken fallen runter ans Ufer. Das Meereswasser wäscht die Kreide aus, zurück bleibt der harte Feuerstein, der in der Brandung rundgeklopft wird. Wie lange es wohl dauern mag, bis aus einem Felsbrocken ein so perfekt abgerundeter Kiesel entsteht?


Die Kiesel sind einzigartig, faszinierend, wunderschön. Von weitem sehen sie alle unauffällig und ähnlich aus. Eine Masse an weissen Rundsteinen eben. Doch als ich mir die Zeit nehme und genauer hinschaue, merke ich, dass jeder anders ist: der eine hat ein kreisförmiges, rostfarbenes Muster, der andere blass-lila Einschlüsse, ein dritter mit zwei schneeweissen Kreisen sieht aus der Kopf einer Eule. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, entdecke immer wieder neue. Jeder ist ganz besonders schön, feingeschliffen, abgerundet. Keiner ist wie der andere, und jeder ist in sich vollendet. Ich möchte sie am liebsten alle mitnehmen. Jetzt verstehe ich die Verbotsschilder. Wenn man anfängt zu schauen und zu sammeln, entdeckt man immer noch mehr, noch speziellere, noch schönere.


Und was antwortet der Fotokünstler auf meine Frage, was ich ihm denn mitbringen soll: die leckeren Kekse, eine einheimische Spezialität hier? Oder einen Calvados, ich habe sogar einen in Bio-Qualität entdeckt? "Nein, mach dir bitte keine Umstände, bring mir doch einfach einen Stein mit!"


Sonntag, 15. Oktober 2017

Fotoreise in die Normandie - Ankunft in Étretat

Während bei uns bereits der Herbst eingebrochen war mit einem Wetter, das eher zum November als zu Anfang September passte, hat mich die Normandie mit einem strahlenden, warmen Spätsommertag empfangen.



Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt an dieser Fotoreise teilnehmen sollte. Die weite, komplizierte Anreise mit Taxi, Zug und Bus, zum ersten Mal seit langem wieder alleine unterwegs, das viele Geld, das "nordische" Wetter, die ungewisse Rückreise - das alles bereitete mir Sorgen. In meiner Jugend und auch noch mit vierzig wäre ich die Reise freudig und voller Tatendrang angegangen, doch würde ich das jetzt mit über fünfzig auch noch schaffen? Anderseits waren im Reiseprogramm all die Orte aufgeführt, die ich schon lange einmal sehen wollte: Der Mont-Staint-Michel, die historischen Stätten des D-Days, die Klippen, die auf französisch so viel schöner klingen: "Les Falaises". Dann auch noch Giverny mit Haus und Garten von Claude Monet und die kleinen Städtchen und Fischerdörfer in einer Landschaft, von der ich bereits mit zwanzig geträumt hatte.
Damals stand ich auf der gegenüberliegenden Seite des Meeres. Ich hatte mir zum Abschluss meines Au-Pair-Aufenthalts in London noch ein paar Tage Ferien gegönnt und bin der Küste Cornwalls entlanggewandert. Auch auf der englischen Seite gibt es einen St. Michael's Mount, gibt es pittoreske Fischerdörfer und schmucke Städtchen, auch dorthin reisten viele Maler, weil sie von Küste und Licht magisch angezogen wurden. Aber das Original, schien mir, lag dennoch auf der anderen, der französischen Seite des Ärmelkanals. Da würde ich auch einmal gerne hinreisen, wünschte ich mir.
Deshalb habe ich mich jetzt, trotz allen Bedenken und Zweifel, angemeldet. Und natürlich hat es sich gelohnt! Es lohnt sich immer, und sei es nur, um über seine Ängste zu siegen. Vor allem deswegen. Aber auch sonst war diese Reise äusserst reichhaltig und lohnenswert. Die Fotoreise wurde von der Leica Akademie angeboten und vom Fotografen Oliver Vogler geleitet.  

Am Hang oben das wunderbare Hotel "Dormy House" in Étretat, wo wir gewohnt haben.


Das Wetter war so trist bei uns, dass ich das Bikini fast zu Hause gelassen hätte. Aber Meer ist Meer und man kann nie wissen. Also packte ich es im letzten Moment doch noch in den Koffer. Zum Glück! Denn das erste Highlight der Reise - vielleicht das wichtigste überhaupt - erwartete mich gerade mal knapp eine halbe Stunde nach meiner Ankunft im Hotel. 



Ich spüre jetzt noch, wie mich das klare Wasser empfängt, als ich ungelenk über die grossen Kieselsteine fast schon ins Meer hineinstolpere, wie angenehm erfrischend und sanft zugleich es sich auf der Haut anfühlt. In einem Augenblick sind die ganze Anspannung und Müdigkeit der langen Reise weggewaschen. Wer hätte gedacht, dass es im Norden schöner und wärmer ist als im Süden! Und dass ich heuer noch einmal im Meer baden würde! Ein tiefes Glücksgefühl erfüllt mich. Auch nachher, als ich mich auf den Steinen sitzend von der Sonne trocknen lasse, weiss sich, dass sich die weite Reise jetzt schon gelohnt hat. 




Das Bad im Meer hat mich ebenfalls Überwindung und Mut gekostet - "Und wenn es kalt ist? Was werden die Leute denken? Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt? Wäre es nicht vernünftiger, erst mal in Ruhe anzukommen und auszupacken?" usw. Auch dieses Überwinden hat sich voll gelohnt. Stolz, Spass und Freude erfüllen mich, als ich am Strand sitze und übers Meer schaue. Ich weiss, dass es richtig und wichtig war, mich für diese Reise und auch für das Bad im Meer zu entscheiden, trotz all meiner Zweifel und Bedenken. Es sind Momente wie diese, die sich tief in mein Herz und meine Gedächtnis einprägen, und die mir später einmal Mut machen werden, wenn meine Ängste wieder überhandnehmen wollen.




Übrigens war es für den ganzen Rest meines Aufenthalts in der Normandie nie mehr so heiss, dass man hätte baden können.

Sonntag, 24. September 2017

Spaziergang in Weisslingen - Fotografie beruhigt

Sonne beruhigt auch. Wenn ich mit geschlossenen Augen an der Sonne sitze, ihre Wärme auf meinem Gesicht spüre, werde ich  augenblicklich entspannt, ruhig und versöhnt. Spazierengehen beruhigt mich auch, Meditieren ebenfalls. Andere beruhigt Sport. Manche malen oder singen oder fahren mit dem Auto durch die Gegend. Manche arbeiten im Garten oder am Computer. Fotografieren beruhigt mich, weil es mich zentriert. Weil es den Fokus von mir nimmt und auf etwas anderes richtet. Es lenkt mich ab und erfüllt mich gleichzeitig mit positiver Energie.



“Vom Älterwerden und verpassten Gelgenheiten”, so hätte ich diesen Blogpost auch nennen können. Derzeit hadere ich mit Gelegenheiten, auf die ich verzichten musste. Wie gestern, als ich, anstatt mit Freundinnen im Chinagarten zu fotografieren, den halben Tag mit dem Kater im klimatisierten Warteraum des Tierspitals verbracht habe. Dabei hatte ich mich so auf den Fototag gefreut, das Wetter war perfekt und es hätte mir so gut getan! Aber dem Kater ging’s schlecht, und so habe ich mich für ihn entschieden. Vorletztes Wochenende musste ich die Klassenzusammenkunft absagen, weil es mir einfach zu schlecht ging. Nachher ging’s mir noch schlechter, weil ich wusste, dass es in den kommenden 10 Jahren bestimmt kein Klassentreffen mehr geben würde. Verpasste Gelegenheiten solcher Art gab es in diesem Jahr so einige. Und jedesmal habe ich mich gegrämt, weil ich absagen musste. Teilweise hat’s mich fast wahnsinnig gemacht. Oft waren es einmalige Ereignisse, auf die ich mich lange und sehr gefreut hatte, und die so nicht mehr - nie mehr! - wiederkommen würden. Je älter ich werde, desto bewusster spüre ich, wie das Leben an mir vorbeirast mit seinen vielen Möglichkeiten, und ich nur einige davon erhaschen kann, auch wenn ich sie doch gerne alle ergreifen möchte. Damit habe ich im Moment unglaubliche Mühe: zu verzichten, loszulassen und dabei zu vertrauen, mich richtig entschieden zu haben.

 Meistens haben verpasste Gelegenheiten mit eigenen Entscheidungen zu tun. Ich kann mich nicht mit einer Freundin zum Kaffeetrinken in der Stadt treffen und mir gleichzeitig einen erholsamen Sonntagnachmittag im Liegestuhl machen. Ich kann nicht auf eine Wanderung gehen und gleichzeitig mit Krimi und Kater auf dem Sofa entspannen. Ich kann nicht gleichzeitig sportlich marschieren und kontemplativ fotografieren gehen, kann nicht dem Kater gut schauen und ständig verreisen. Ich muss mich jedes Mal für eine Variante entscheiden. Beide Varianten sind gut, aber beides gleichzeitig geht nicht. Und jedes Mal, wenn ich mich für etwas entscheide, entscheide ich mich gleichzeitig gegen etwas anderes. Und manchmal ist dieses “etwas anderes” etwas Einmaliges und Unwiederholbares, dem ich lange nachtrauere, vielleicht sogar bis an mein Lebensende.



“Du brauchst dich nicht darüber aufregen, es kommen noch andere Gelegenheiten”, versucht mich mein Guru zu beruhigen, “du hast die richtige Entscheidung getroffen. Das hat alles seinen Sinn. Du musst dir nur überlegen, was dir das sagen, dich das lehren will.” - “Und was zum Beispiel?” frage ich missmutig zurück. “Was weiss denn ich, bin ich etwa Jesus? Das musst du schon selber herausfinden."



In Miksang, der kontemplativen Fotoschule, durch die ich gegangen bin, war Loslassen etwas vom Ersten und Klügsten, was wir gelernt haben. Wenn wir es einfach nicht schafften, ein Motiv so abzubilden, wie wir es gesehen hatten - weil es zu weit weg war, das Licht nicht stimmte oder wir die Kamera nicht dabei hatten - dann kam eine der wichtigsten Miksang-Regeln zum Tragen: "Let go!" Wir versuchen es nicht krampfhaft weiter und ärgern uns auch nicht, sondern lassen los und ziehen weiter. "Denn jeder Moment ist einzigartig - aber es gibt unendlich viele Momente".
Was in der Fotografie stimmt, stimmt auch im Leben: Jeder Moment ist einzigartig und kommt so nie wieder. Aber: Es gibt unendlich viele Momente, ja das ganze Leben besteht aus einer unerschöpflichen Reihe an einzigartigen Momenten.
Dass jeder Moment einzigartig und unwiederholbar ist, spüre ich ganz stark. Dass es aber unzählige dieser einzigartigen Momente gibt, vergesse ich viel zu oft. Dafür fehlt mir noch das Vertrauen, die Gelassenheit und die Weisheit des Alters. Und wahrscheinlich ist es genau das, was ich lernen muss.